Beispieltext: Biografie eines Unternehmers

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Anonymisierter Auszug aus der Biografie eines Gründers.

Prolog.
Das fehlende Lächeln meiner Mutter.

Die Münze war warm. Ich hielt sie heute schon den ganzen Tag umklammert. Herr Baumann hatte sie mir gegeben, weil ich seine Einkäufe dienstags und donnerstags in den vierten Stock trug. Nicht für das Geld. Für den Blick meiner Mutter, wenn sie es erfuhr. Sie lächelte nur ganz selten. Wenn sie lächelte, war das Leben schön. Sie arbeitete als Krankenschwester im Klinikum rechts der Isar. Frühschicht, Nachtschicht – was auch immer nötig war. Mein Vater war nicht mehr da. Noch vor meiner Geburt war er nach Hannover gegangen. Taschengeld bekam ich nicht. Die 50 Pfennige waren etwas Besonderes für mich.

Der Kaugummiautomat stand an der Ecke zur Leopoldstraße. Ich hatte zugesehen, wie Kinder eine Münze in den Münzschlitz einwarfen und dann eine kleine Metallkurbel drehten. Es machte plopp – und eine bunte Plastikkugel landete in einer Schale, die mit einem aufklappbaren Deckel verschlossen war. In der Kugel steckten die erstaunlichsten Dinge. Ein Flummiball zum Beispiel, ein Cowboy-Sticker, ein Zauberwürfel oder ein Pandabär. Ich dachte schon den ganzen Tag an diesen Moment, malte ihn mir aus und versuchte die Vorfreude auszukosten. Als ich gerade die Münze in den Schlitz einwerfen wollte, hörte ich ein leises Grollen. Tief, gleichmäßig, satt. Einen Ton, der nicht in diese Straße passte.

Ich drehte mich um und sah ein Auto, das ganz anders war als normale Autos. Es war rot. Aber das Wort rot traf es nicht. Es war ein Rot, das leuchtete, als käme das Licht von innen heraus. Ein tiefes, sattes Rot, wie frisches Blut auf weißem Leinen. Dieser Wagen hatte keine Ecken und keine Kanten. Er war flach und lang. Die Motorhaube fiel in einem sanften Bogen nach vorne ab, die Kotflügel wölbten sich über den Rädern wie Schultern und die Heckscheibe fiel in einer steilen Kurve nach unten. Das Sonnenlicht brach sich auf seinem roten Lack und warf Reflexe auf die Häuserwände. Die verchromte Stoßstange glitzerte und die Felgen blitzten. Selbst die Reifen sahen aus wie etwas Kostbares.

Das schwarze Verdeck war heruntergeklappt. Neugierig blickte ich hinein, als das Auto an mir vorbeirollte. Am Steuer saß ein Mann mit schwarzen lockigen Haaren, blauem Hemd und dunkler Sonnenbrille, den Arm mit den hochgekrempelten Ärmeln lässig auf dem Türrahmen. Neben ihm saß eine Frau mit langen braunen Haaren. Sie trug eine riesige Sonnenbrille. Auf ihrem Gesicht lag ein wunderschönes Lächeln. Der Wagen bog um die Ecke. Ein letztes rotes Aufblitzen zwischen den Häusern, ein letztes leises Grollen – und weg war er.

Die Straße war wieder dieselbe. Grau und gewöhnlich. Eine ältere Frau mit einem Einkaufskorb ging vorbei. Eine Tram quietschte in der Ferne. Irgendwo oben wurde ein Fenster geschlossen.

Ich betrachtete die Münze in meiner Hand – und steckte sie in meine Hosentasche. Ich hatte mich umentschieden. Ich wollte auch so einen Wagen. Ich wollte am Steuer sitzen und meine Mutter durch die Stadt fahren. Vielleicht würde sie dann auch ein bisschen lächeln?

Als ich nach Hause kam, lag kein Geruch von Essen in der Luft. Meine Mutter war noch nicht da. Ich ging in die Küche und schaute aus dem Fenster, auf die Hinterhöfe, auf die aufgehängten Bettlaken und die grauen Mauern. Irgendwo da draußen fuhr dieser Wagen. Irgendwo da draußen war dieses Rot im grauen Alltag.

Ich setzte mich an den Küchentisch und zog ein Schulheft aus meinem Ranzen. Mit dem Lineal zog ich eine senkrechte Linie durch die Mitte der Seite. Sauber und gerade.

Links schrieb ich: Ausgaben. Rechts schrieb ich: Einnahmen. Dann saß ich lange da und schaute auf die leere rechte Spalte.

Es begann mit drei Zitronen und einer Idee. Die Zitronen kaufte ich am nächsten Tag nach der Schule bei Frau Kowalski, der Gemüsehändlerin mit den rissigen Händen und dem polnischen Akzent. Ihr Stand roch nach feuchter Erde und überreifem Obst. Ein schwerer, süßlicher Geruch, der sich in der Morgenhitze schon festgesetzt hatte. Sie verkaufte die etwas zu weichen Zitronen, die mit den braunen Druckstellen. Die, die keiner wollte. Ich wollte sie. Und bekam sie für genau 50 Pfennig. Damit war meine Münze weg. Wenn ich mit dem Daumen darauf drückte, gaben sie sofort nach. Aber das Gute war: Sie rochen intensiv. Genau richtig. Ich hatte nachts gerechnet: drei Zitronen, ein Liter Wasser, vier Löffel Zucker. Genug für sieben Gläser, vielleicht acht.

Ich trug die Zahlen ins Heft ein. Linke Spalte. Den Namen meiner Limonade hatte ich mir ebenfalls nachts ausgedacht. Auf einem Stück Pappe schrieb ich in großen Buchstaben: MÜNCHNER ALPEN-LIMONADE. Es gab keine Alpen in der Limonade. Aber der Name klang nach etwas. Und das war manchmal wichtiger als der Inhalt, das hatte ich bereits verstanden. Immerhin: Das Leitungswasser kam aus München.

Ich holte den Holzstuhl aus unserem Kellerabteil und schleppte ihn die Treppe hoch ins Freie. Dann stellte ich ihn am Rand des Bürgersteigs auf und legte ein Brett darüber. Das Schild „MÜNCHNER ALPEN-LIMONADE“ klebte ich mit Tesafilm an das Brett. Die Gläser spülte ich zweimal, hielt sie gegen das Licht und drehte sie langsam. Kein Fleck. Sauberkeit war auch ein Versprechen, das man verkaufte. Als meine Mutter an mir vorbeikam, warf sie mir einen fragenden Blick zu. Dann musste sie weiter und hatte keine Zeit mehr, mich aufzuhalten.

Das erste Glas ging an Herrn Baumann. Er kam zufällig vorbei, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Kopf einen Hut. Der ältere Herr betrachtete das Schild. Dann mich.

„Was kostet das?“

„Zehn Pfennig.“

Er schnaufte. „Zehn Pfennig für ein Glas Wasser?“

„Für ein Glas Münchner Alpen-Limonade“, sagte ich.

Er schaute mich einen Moment an. Dann legte er zehn Pfennig auf das Brett und nahm das Glas. Trank. Stellte es ab.

„Zu süß“, sagte er, ließ sein Zehn-Pfennig-Stück aber liegen.  

Die erste Stunde war hart. Einige Leute schauten kurz, gingen aber weiter. Eine Frau fragte, ob das sauber sei. Ich sagte ja. Sie ging trotzdem weiter. Michael, der Junge aus meiner Klasse, der immer neue Schuhe hatte, blieb stehen und lachte. „Du verkaufst Limonade?“, sagte er, als wäre das die verrückteste Sache der Welt. Ich sagte nichts. Ich schaute auf mein Heft. Noch war die rechte Spalte fast leer.

Dann kam die Hitze.

Gegen Mittag legte sich die Julisonne über die Straße wie ein schweres Tuch. Die Luft flimmerte über dem Asphalt. Mein Hemd klebte am Rücken. Die Zitronen hatte ich mit den Händen ausgepresst. Meine Finger brannten noch leicht von der Säure. Egal wie oft ich sie abwischte, der Geruch blieb. Zitrone und heißer Stein. Das war der Geruch meines ersten Arbeitstags. Der Schatten der Häuser war schmal geworden. Und plötzlich wollten alle Limonade.

Eine alte Dame. Dann ein Mann im Anzug. Zwei Jugendliche. Ein Handwerker. Eine Frau mit Einkaufskorb. Und ein Briefträger, der das Glas in einem Zug leerte. Ich kaufte drei neue Zitronen bei Frau Kowalski und mixte nach. Mehr Wasser, diesmal etwas weniger Zucker. Herrn Baumanns Kommentar hatte ich nicht vergessen. Am Nachmittag waren die Zitronen alle. Ich zählte die Einnahmen auf dem Brett, Pfennig für Pfennig, trug die Zahl ins Heft ein. 160 Pfennig Einnahmen, 100 Pfennig Ausgaben, 60 Pfennig Gewinn.

Gegen Abend kaufte ich neue Zitronen bei Frau Kowalski – für morgen. Irgendwann würde ich einen zweiten Stuhl brauchen. Und dann jemanden, der mir half. Meinen ersten Angestellten.

Das Heft lag offen vor mir auf dem Küchentisch, als meine Mutter nach Hause kam. Sie schaute auf die Zahlen, auf die beiden Spalten, auf die saubere Linie in der Mitte. Sie sagte nichts. Aber sie legte mir kurz die Hand auf den Kopf. Dann ging sie in die Küche, um das Abendessen zu machen. Ich fühlte die Münzen in meiner Hosentasche und ließ sie klimpern. Aus fünfzig Pfennigen waren hundertzehn geworden. Ich legte die Münzen nebeneinander auf den Tisch. Sie glänzten nicht. Aber sie gehörten mir. Ich dachte an die Frau im roten Auto. An ihr Lächeln. Dann schaute ich zur Küchentür.

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