Anonymisierter Auszug. Ein Wendepunkt zwischen Amt und Familie.
Prolog.
Die erste Kugel raste knapp an meinem Kopf vorbei. So nah, dass ich eine leichte Druckwelle an meiner linken Schläfe spürte, eine winzige Erschütterung. Reflexhaft neigte ich den Kopf nach rechts. Die Kugel schlug in den Beton vor mir ein. Ein trockenes, hartes Platzen, Staub, Splitter. Ein Knall von hinten. Ein zweiter Knall ertönte. Ich spürte ein plötzliches Reißen. Kurz und scharf. An meiner linken Seite, unterhalb der Rippen. Als hätte mir jemand einen glühenden Draht ins Fleisch gebohrt. Ich taumelte. Mein Mund öffnete sich, aber ich blieb stumm. Instinktiv presste ich meine Hand auf den Bauch. Möller packte mich am rechten Arm. Sein Griff war fest und ohne Zögern, als hätte er auf diesen Moment gewartet. „Weg hier“, rief Karstens und packte mich von links. Meine Beschützer zogen mich mit sich.
Wir rannten vorbei an Hauseingängen auf einen offenen Torbogen zu. Es waren nur 20 Meter, aber das reichte dem Schützen, um einen weiteren Schuss abzugeben. Der Putz spritzte von einer Hauswand, als das Projektil einschlug. Im Torbogen stand eine Mülltonne. Wir nutzten sie als Deckung und drückten uns dahinter eng an die Wand. Die Wand war rau und kühl trotz der Wärme des Tages. Es roch nach Müll, altem Fett und etwas Verbranntem, das von weiter weg kam. Ein weiterer Schuss ließ Putz von der Wand regnen. Ich sah auf meine rechte Hand, die ich gegen den Bauch gepresst hatte. Sie war voller tiefrotem Blut. Draußen schlug ein weiterer Schuss ins Pflaster. Dann noch einer. Kurze, kontrollierte Intervalle. Sie hatten Zeit. Sie hatten Geduld. Und sie würden ihre Position wechseln. Einen anderen Winkel suchen. Wir hatten vielleicht zwei Minuten. Vielleicht weniger.
„Stehen unter Beschuss. Springer ist getroffen. Kommen nicht zum Wagen“, gab Karstens über sein Funkgerät durch. Er sprach ruhig. Ich hatte keine Waffe. Ich hatte nie eine getragen. Ich war jemand, der Tee getrunken hatte. Der zugehört hatte. Der versucht hatte, Verbindungen herzustellen zwischen Menschen, die sich misstrauten, weil Misstrauen im Irak gerade das Vernünftigste war, was man empfinden konnte. Drei Stunden in einem stickigen Zimmer, weil ich an Gespräche glaubte.
Aber das zählte nicht. Nicht von einem Dach aus betrachtet. Für den Schützen war ich kein Mensch, ich war ein Symbol. Ein westlicher Anzug in einer arabischen Gasse. Es spielte keine Rolle, dass ich keinen Krieg wollte und noch vor wenigen Minuten auf eine friedliche Lösung hingearbeitet hatte. Das alles war unsichtbar von oben. Sichtbar war nur eines: ich.
Man wird zum Symbol, ohne gefragt zu werden.
Ein Schuss traf die Mauer schräg über uns. Steinbrocken auf den Schultern. Staub in den Haaren. Sie hatten den Winkel gefunden.
Möller zog mich tiefer in den Torbogen hinein. Karstens sicherte mit seiner Waffe nach links, Möller nach rechts. Mit geübten Handgriffen legte mir Möller einen Druckverband an. „Wird schon wieder“, sagte er zu mir.
„Ich glaube, ich muss…“, stammelte ich und sackte zusammen, gehalten von Möller. Vor meinen Augen wurde es schwarz.
Ich fiel. Tief. Immer tiefer. Das machte mir Angst. Was, wenn das hier das Ende war? Der Gedanke kam nicht hysterisch. Er kam ruhig, fast beiläufig. Was bliebe? Ein Nachruf. Ein Absatz in einem Lagebericht. Und Clara, die aufwächst mit der Erinnerung an einen Vater, der immer weg war. „Das ist wichtig, Papa“, hatte sie gestern am Telefon gesagt und etwas von Schnecken erzählt. Für Clara war immer alles wichtig. Ich hatte vorgegeben zuzuhören und dabei an einen Bericht gedacht, der dringend nach Berlin musste. Jetzt war es zu spät für Reue. Ich würde im Irak sterben. Clara war acht Jahre alt. In zehn Jahren würde sie sich vielleicht gar nicht mehr richtig an mich erinnern können. Das Gesicht meiner Tochter erschien vor meinen Augen. Plötzlich bäumte ich mich auf. Ein Gedanke durchzuckte mich: Nein. Ich klammerte mich an mein Nein. Ich weigerte mich zu sterben.
Dann schlug ich die Augen auf, röchelte und hustete, blinzelte ins Licht, griff mir an den Bauch. Meine Hand tastete den Druckverband.
„Bleiben Sie bei mir“, sagte Möller, sah mich durchdringend an und tätschelte meine Wange, um mich wach zu halten.
„Können Sie laufen?“, fragte Karstens ohne mich anzusehen.
Die Wunde brannte. Ich ließ sie brennen. Sie schien mir das Ehrlichste zu sein, was mir seit Jahren passiert war.
„Ja. Kein Problem“, sagte ich.
„Die haben uns festgenagelt“, sagte Möller. „Wir können nicht zum Wagen. Und der Wagen kann nicht zu uns. Da ist eine Treppe im Weg.“ Er machte eine kleine Pause. „Eigentlich.“
Die beiden wechselten einen Blick, nickten sich zu.
„Los, Hamid!“, sagte Möller ins Funkgerät.
Dann hörte ich es.
Ein Motor heulte auf. Pause. Wieder Aufheulen. Das war nicht das Geräusch eines Fahrzeugs, das sich vorsichtig nähert. Ganz im Gegenteil. Hamid hatte sich entschieden. Ich hörte den schweren Aufprall der Stoßstange auf die unterste Stufe. Beton splitterte. Ein tiefes, metallisches Stöhnen der Federung, als die Vorderräder die erste Stufe bezwangen, dann die zweite. Die Karosserie neigte sich, der Motor schrie auf, die Hinterräder zogen nach. Das Fahrzeug bockte, fraß sich vor, bockte erneut. Irgendwo splitterte etwas, das nicht splittern sollte. Metall auf Stein, Stein auf Metall. Dann stand der Mercedes vor uns. Möller grinste.
Wir rannten. Karstens hielt mir die Tür auf, ich sprang rein, Karstens war sofort neben mir. Möller war vorne eingestiegen. Hamid trat aufs Gaspedal, die Türen schlugen zu. „Anschnallen!“, brüllte Möller.
„Jetzt eine Panzerfaust – und wir sind weg“, sagte Karstens ruhig.
Der Mercedes wendete rasant, beschleunigte, die Treppenstufen diesmal nach unten. Ein harter Aufschlag, das Fahrzeug schlingerte zur Seite, fand die Straße. Hamid lenkte, ohne zu sehen. Er fuhr einfach.
Ich wartete auf das Geräusch der Panzerfaust.
Fünf Sekunden. Zehn. Eine Ecke. Hamid beschleunigte. Die Straße öffnete sich.
Keine Panzerfaust. Langsam löste sich meine Erstarrung.
„Wir sind im Wagen“, gab Möller über Funk durch. „Kommen rein. Springer wirkt stabil.“
Ich lehnte den Kopf gegen das Panzerglas. Es war kühl. Draußen zog Bagdad vorbei. Checkpoints. Stacheldraht. Uniformen, die uns durchließen. Dann endlich: die Green Zone. Im Wagen war es still. Nur der Motor, die Straße, das leise Pochen unter dem Verband.
„Alles in Ordnung?“, fragte Hamid.
„Kleiner Kratzer“, sagte ich und versuchte ein Lächeln.
„Tut mir sehr leid wegen des Mercedes“, sagte Hamid und suchte im Rückspiegel Augenkontakt.
„Scheiß auf den Mercedes“, sagte Karstens. „Du hast uns das Leben gerettet.“
„Danke, Hamid“, sagte ich. „Danke euch allen.“
Möller und Karstens nickten mir zu.
Im Bericht würde stehen: „Die Verhandlungen endeten ohne konkrete Ergebnisse. Ein weiteres Treffen wird von beiden Seiten befürwortet. Auf dem Rückweg zur Botschaft gerieten wir unter Beschuss. Ich erlitt dabei leichte Verletzungen, konnte aber schon am nächsten Tag den Dienst wieder aufnehmen.“
Was nicht im Bericht stehen würde: Ich beschloss, nie wieder in einem Krisengebiet zu arbeiten. Und meiner Tochter beim nächsten Gespräch über Schnecken wirklich zuzuhören.
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